Vom Sportschuh zum Luxusobjekt – Der Hype um Sneaker

Egal ob Nike, Adidas oder Puma: Schon seit einigen Jahren herrscht ein unglaublicher Hype um Sneaker. Denn mittlerweile sind die begehrtesten Modelle zu echten Wertanlagen und Spekulationsobjekten geworden. Und ich muss zugeben: Auch mich hat das Sneakerfieber gepackt. Mein Puls steigt, als ich auf die Uhr gucke. Kurz vor neun. Nur noch ein paar Sekunden. Wie gebannt starre ich auf mein Handy und aktualisiere die Website noch ein letztes Mal. Dann ist es soweit. Die Website schwingt um, der Hintergrund wird beige, zu sehen sind jetzt nur noch das Firmenlogo, ein Hinweis auf die Social Media Kanäle und in der Mitte prangt der Satz: „You are currently in a queue and will be directed to the site shortly.“. Ich befinde mich also in der Warteschlange.

So wie mir geht es gerade hunderten Sneakerbegeisterten auf der ganzen Welt an diesem Samstagmorgen – dem 11. Mai 2019. Einige werden sich in den nächsten Minuten fühlen wie im siebten Himmel, andere müssen sich frustriert geschlagen geben. Verkauft wird heute nämlich eine echte Mangelware: Der Jordan 1 Retro High x Travis Scott von Nike. Ein sogenannter limitierter Release. Nur wer Glück hat und schnell ist bekommt eins der begehrten Schuhpaare ab, die an diesem Samstag online wie offline in ausgewählten Schuhgeschäften verkauft werden. In Deutschland dürfen gerade einmal vier Läden den begehrten Schuh an-bieten. Künstliche Verknappung als Marketingstrategie. Und das geht auf. Der Andrang auf den Schuh ist riesig. Angefangen hat der Sneakerhype in den Vereinigten Staaten der 1980er Jahre. Neben Basketballstars wie Michael Jordan, der 1984 zusammen mit US-Hersteller Nike den ersten „Nike Air Jordan“ entwickelte, trug dort vor allem die Hip-Hop Kultur dazu bei, den Turnschuh in die Alltagsmode zu integrieren. Der Hip-Hop Gruppe Run D.M.C gelang sogar ein Hit über ihren Lieblingsschuh: „My Adidas“ und Puma sponsorte ganze Filme mit seinen Produkten, wie beispielsweise den bekannten Hip-Hop-Film „Beat Street“. Weltweit steigerten Musiker, Schauspieler und Sportler die Popularität der Sneaker. Im deutschsprachigen Raum schafften sie es mit Joschka Fischer, der sich 1985 in weißen Nike-Schuhen als Landesminister vereidigen ließ, sogar in die Politik.

Zahlreiche Modelle aus dieser Zeit genießen bis heute Kultstatus und neben Basketballer Mi-chael Jordan brachten bald auch weitere bekannte Stars ihre eigenen Modelle heraus. Erfolg-reichstes Beispiel aus den letzten Jahren ist wohl der US-Rapper Kanye West. Er schaffte es sogar für zwei große Schuhmarken extrem erfolgreiche Modelle zu entwerfen und damit einen unglaublichen Hype in der Sneakerszene auszulösen. Zuerst mit dem Air Yeezy 1 und 2 bei Nike und später mit zahlreichen Yeezy Boost Modellen bei Adidas. Die Schuhe waren innerhalb von Sekunden vergriffen und gerade die Modelle aus den Anfangsjahren bei Nike oder Adidas lassen sich heutzutage teilweise für das 20-fache ihres Ursprungspreises auf den verschiedensten Verkaufsplattformen wiederfinden.

Auch hinter dem Paar, das heute an diesem 11. Mai erscheint, steckt ein bekannter US-Rap-per. Travis Scott. Momentan wohl einer der meist gefeiertesten und prägendsten Musiker der amerikanischen Raplandschaft. Zusammen mit Nike hat er nun an einem neuen Design des berühmten Jordan 1 von Michael Jordan gearbeitet, dessen Modell nun auch sein Name ziert: Den Jordan 1 Retro High x Travis Scott. Das Obermaterial besteht aus weißem und braunem Leder. Der Schuh ist zudem, wie bei Basketballschuhen üblich, knöchelhoch geschnitten. Knö-chelbereich, sowie Schnürsenkel und Logo sind in Schwarz gehalten. Das Besondere am neuen Jordan 1 Modell von Travis Scott ist jedoch, dass der berühmte schwarze Haken des Nike Logos – in der Szene „Swoosh“ genannt – auf der Außenseite des Schuhs vergrößert und umgedreht wurde. Ein weiteres Extra ist eine kleine Geheimtasche im Schuh.

Der Jordan 1 Retro High x Travis Scott von Nike, Quelle: Nike

Allein das umgedrehte Swoosh-Logo löste in der Sneakerszene eine unglaubliche Nachfrage aus – denn so etwas gab es auf einem regulären Jordan Modell noch nie! Als dann im Februar, während des Auftritts von Travis Scott bei den Grammy-Awards, plötzlich eine sehr geringe Stückzahl des Schuhs auf der Website des US-Rappers auftauchte, zahlreiche Stars in dem neuen Jordan 1 von Travis Scott gesichtet wurden und Sneakermagazine ihn bereits als Schuh des Jahres betitelten, war klar: Die Nachfrage ist riesig. Der Hype ist perfekt. Zusätzlich gießt Nike durch die starke Verknappung des Produkts noch einmal Öl ins Feuer. Auch ich bin angefixt. Möchte den Schuh unbedingt haben. Deshalb sitze ich nun hier mit meinem Handy in der Hand und hoffe, dass ich durch die Online-Warteschlange des Londoner Sneakerladens Footpatrol komme. Parallel dazu habe ich bereits an der Auslosung der Nike SNKRS-App teilgenommen. Denn das Kaufrecht für solch limitierte Sneaker wird heutzutage fast ausschließlich online verlost. Wohl gemerkt: Das Kaufrecht. Footpatrol ist bei diesem Re-lease fast der einzige Laden in Europa, der die begehrten Travis Scott Jordans regulär online verkauft. Aber auch hier mit Einschränkungen wie eben dieser virtuellen Warteschlange. In dieser Zeit wird die Website immer wieder von selbst aktualisiert. Am Ende entscheiden der Zufall und etwas Schnelligkeit, ob man es dann durch die Warteschlange schafft oder nicht. Der Großteil der Sneakerläden veranstaltet allerdings sogenannte Draws oder Raffles, in de-nen das Kaufrecht verlost wird. Solche Verlosungen finden meist online statt. Einige Sneakerläden machen das Ganze aber auch offline, sodass man im Geschäft vorbeikommen muss, um sich für ein Los einzutragen.

Vor ein paar Jahren lief der Verkauf limitierter Sneaker hauptsächlich über sogenannte Camp-Outs, während der die Fans teilweise tagelang vor den Läden kampierten, um an eines der begehrten Modelle heranzukommen – so wie man das auch von Apple und den iPhones kennt. „Heute finden allerdings kaum noch Camp-Outs statt“, erzählt mir Hikmet Sugoer. Er ist einer der Pioniere der deutschen Sneakerszene und mit seinem ehemaligen Sneakerladen Solebox in Berlin auch der Erste gewesen, bei dem solche Camp-Outs in Deutschland stattgefunden haben. Die Verlagerung von Camp Outs auf andere Verkaufsarten wie beispielsweise Raffles habe aber auch vor allem damit zu tun, dass es mittlerweile immer ungesitteter ablaufe. „Früher war es so, da haben die Leute neun Tage bei uns vor dem Laden kampiert und es gab keinen Dreck, keinen Müll, es wurde alles aufgeräumt und pfleglich behandelt. Heute schaffen die Kiddies das nicht eine Nacht ohne irgendwie in nen Hauseingang zu urinieren oder etwas zu beschädigen.“ Auch die Schlangen vor den Sneakerläden wurden im Laufe der Jahre immer länger, sodass große limitierte Sneakerverkäufe auch mal von der Polizei abgebrochen werden mussten. Ein Grund für diese Entwicklung: Mittlerweile stehen in den Schlangen längst nicht mehr nur Sneakerliebhaber und -sammler, sondern auch viele, die die begehrten Schuhpaare mit Gewinn weiterverkaufen wollen. Denn auf Internetplattformen wird oft noch am Erscheinungstag das Doppelte oder Dreifache des Ursprungspreises geboten. Natürlich nur, wenn die Sneaker ungetragen und in der Originalverpackung vorhanden sind. Sonst gibt es Abzüge. Häufig sind es Jugendliche, die sich mit dem sogenannten Resellen von limitierten Sneakern ihr Taschengeld ein wenig aufbessern wollen. Vereinzelt gibt es allerdings auch Leute, die das Ganze professionell betreiben und damit gutes Geld verdienen.

Sneaker ABC

Campout: campen vor einem Sneakerladen, bevor ein bestimmtes Paar Schuhe verkauft wird
Deadstock: ungetragener Schuh in Originalverpackung
Draw/Raffle: Verlosung des Rechts ein Paar Schuhe zu kaufen
Hypebeast: Person, die vor allem Schuhe und Kleidung mit großen Hype-Faktor kauft und sucht
Reseller: Menschen, die limitierte Schuhe zu regulären Preisen kaufen und für ein Vielfaches weiterverkaufen
Sneakerhead: Person, die nichts als Sneaker im Kopf hat

Einer, der sich mit dem Thema Reselling auskennt, ist Alexander Wendt. Zusammen mit seinem Bruder Olli und Freund Tu Tran betreibt er den YouTube Kanal „Hypekicks“, auf dem die drei ihre Zuschauer regelmäßig über die neuesten Sneaker- und Fashiontrends informieren und Tipps zum Resellen geben. Auf das Thema Reselling ist der 19-jährige über einen Freund gekommen, der 2015 an eines der ersten Yeezy Modelle von Kanye West bei Adidas herangekommen ist. „Dieser Gedanke – mein Freund hat ´nen Schuh gekauft, den er für 700, 800 Euro Gewinn verkaufen könnte – da dachte ich mir: Das ist ein gutes Ding um Geld zu verdienen. Den ersten Yeezy, den ich dann gekauft habe, wollte ich aber trotzdem irgendwie eher tragen, weil dann doch so ´ne Leidenschaft in mir durchgedrungen ist.“

Deswegen versucht er meistens gleich mehrere Paare zu ergattern, um sich sein eigenes Paar zu refinanzieren und dabei noch ein wenig Gewinn zu machen.
Für Hikmet Sugoer sind Schuhe kein Spekulationsobjekt. „Sie sind gemacht worden um sie zu tragen“, sagt er mir im Interview. „Schuhe sind kein Gut was man ewig bewahren kann – ir-gendwann werden zum Beispiel auch die Materialien spröde und daher denke ich, dass es wichtig wäre, dass die Leute sich wieder auf das besinnen wozu Schuhe da sind – zum Tragen.“ Einen wirklichen Einfluss darauf hat man aber eher nicht. Limitierte Sneaker bleiben vorerst das Anlageobjekt der Stunde – vor allem für Jugendliche. Auch weil einem, falls alles schiefgehen sollte, immerhin etwas für die Füße bleibt. Und solange die Nachfrage und der Hype um ein bestimmtes Paar Sneaker anhält, wird es wohl immer Menschen geben, die versuchen werden, es mit Gewinn weiterzuverkaufen. „Ich persönlich denke da sehr gerne wirtschaftlich“, erklärt mir Alexander. „Und wenn man jetzt sagt, Schuhe sind kein Spekulationsobjekt, dann sind auch Autos kein Spekulationsobjekt, das Gleiche gilt für Häuser, Uhren, Wein, Brief-marken oder andere Produkte, die eine gewisse Wertsteigerung haben und eigentlich Gebrauchsgegenstände sind.“ Auch um den Wiederverkaufswert der Travis Scott Jordans wird schon heiß spekuliert. Alexander schätzt ihn auf ca. 700 Euro, weiß aber, dass der Wert des Schuhs bis zum nächsten Jahr wohl auf 1.300 bis 1.600 Euro ansteigen wird. Zum Vergleich: Der reguläre Verkaufspreis liegt bei 160 – 190 Euro.

Screenshot vom Smartphone – Nike SNEAKRS App

Mittlerweile hat sich auf meinem Handy einiges getan. Ich bin zwar immer noch in der Online-Warteschlange des Londoner Sneakerladens gefangen, habe allerdings einige Benachrichtigungen aus weiteren Raffles erhalten, an denen ich teilgenommen habe. Leider ohne Erfolg. Auch die Nike SNKRS-App teilt mir mit, dass meine Eingabe dieses Mal leider nicht ausgewählt wurde. Immerhin: Auch US-Rapper Travis Scott hat es nicht geschafft, seinen eigenen Schuh zu kaufen – denn in Amerika war die Seite des US-Herstellers Nike aufgrund des großen Ansturms so überlastet, dass sie glatt zusammenbrach und nur die wenigsten die Chance hatten, überhaupt an der Auslosung teilzunehmen.

Zu meinem Glück finden heute jedoch nicht nur diverse Raffles statt. Denn um nicht nur das Losglück entscheiden zu lassen und große Camp-Outs vor den Geschäften zu vermeiden, lassen sich die Betreiber der Sneakerläden immer wieder neue Methoden einfallen, damit der Verkauf möglichst fair vonstattengeht. „Dennoch ist so etwas für uns ein klares Luxusproblem“, sagt mir Mischa Krewer. Er ist einer der Gründer und Betreiber des Sneakerstores 43ein-halb. „Denn mal ehrlich: Was kann es als Händler Besseres geben, als dass man Produkte hat,

die einem förmlich aus den Händen gerissen werden? Klar, bei limitierten Releases kann man nicht jeden glücklich machen und natürlich verkaufen wir unsere Schuhe auch am liebsten an Kunden, die sie wirklich tragen und auf den Straßen rocken. Aber darauf haben wir als Store leider wenig Einfluss. Wir überlegen uns allerdings regelmäßig im Team, wie wir es schaffen, das Release möglichst fair zu gestalten und arbeiten dabei immer wieder an neuen Release-methoden. Oft ist es aber so, dass wir uns für eine Kombination aus Online-Raffle und Instore-Release entscheiden. So geben wir allen Online-Kunden die Chance den Schuh zu bekommen und gleichzeitig verlieren wir den Kontakt zu unseren treuen stationären Kunden nicht.“ Für das Release des neuen Jordan 1 Modells von Travis Scott wurde sich auf jeden Fall einiges für die Käufer ausgedacht. Der Italienische Sneakerladen „One Block Down“ veranstaltet zum Beispiel einen Basketball Contest. Nur wer hier gut spielt, hat die Chance eines der begehrten Modelle zu kaufen. Schließlich wird mit dem Jordan 1 Modell ein Basketballschuh verkauft und nicht wenige Interessenten sind nicht nur große Sneaker-, sondern auch Basketballfans. Ganz anders handhabt es das spanische Schuhgeschäft Foot District. Sie haben den Titel des aktuellen Albums von Travis Scott zum Anlass genommen, extra für das Release des Schuhs einen kleinen Freizeitpark zu bauen, durch den man sich spielen muss, um an eines der Schuh-paare heranzukommen. Denn „Astroworld“ ist nicht nur der Name des Albums von Travis Scott, sondern auch der eines Freizeitparks aus Texas, der Heimatstadt des US-Rappers. Texas war wiederum das Stichwort für die Betreiber des Sneakerstores BSTN aus München. Frei nach dem Motto: „Earn your pair the Texas way!“ muss man sich hier möglichst lange auf einem Rodeo Bullen halten, um am Ende den Schuh kaufen zu können. Und auch Hikmets ehemaliger Sneakerladen Solebox veranstaltet ein großes Verkaufsevent – ausgelagert vom eigentlichen Laden in Berlin. Dort will auch ich nun mein Glück versuchen.

Schon vom Zugfenster aus ist gleich zu sehen, wo hier das Sneakerrelease stattfindet. Google-Maps brauche ich also gar nicht erst zu öffnen, um mich zurecht zu finden. Hunderte Menschen drängeln sich hier vor einer Graffiti beschmierten Halle, in der er gleich zu kaufen sein soll: Der Travis Scott Jordan 1. Die Schlange vor dem Gebäude reicht die komplette Straße entlang, bis sie hinter einer Kurve langsam verläuft. Auch viele Passanten bleiben neugierig stehen, um herauszufinden, was denn hier Besonderes stattfindet. Ein Sneakerrelease. So viel kann ich ihnen erzählen. Doch was im Inneren der Halle passiert leider nicht – denn dort hinein schaffen es nur die Wenigsten aus der Schlange und ich gehöre leider nicht dazu.

Andrang zum Sneakerrelease vor einem Berliner Geschäft

Inzwischen hat sich auch meine Online-Warteschlange aufgelöst. Auch hier ist der Schuh aus-verkauft und ich muss mich frustriert geschlagen geben. Alle Mühe war umsonst. Noch nie wurde mein Geld so verschmäht. Ein paar Stunden später läuft das Resellling im Internet auf Hochtouren. Der Andrang auf den Schuh ist immer noch enorm. Dementsprechend steigen auch die Preise immer weiter in die Höhe. Beruhigend ist jedoch: Wie bei jedem Spekulationsobjekt fällt der Preis nach einer Weile auch wieder – spätestens mit dem nächsten Hype.

Kontakt

Mitteldeutsche Journalistenschule (MJS)
Technikumplatz 17
09648 Mittweida

 

Tel.: +49 (0)3727 58-1681
Fax: +49 (0)3727 58-1439
E-Mail: info@mjs-mw.de