Verlassen, abgegeben, ausgesetzt

Tierschutz in Deutschland

Was mit den Haustieren passiert, die keiner mehr will.

Der Schutz von Tieren ist weltweit ein viel diskutiertes Thema. Doch nicht nur die Zahl von Versuchstieren und bedrohten Arten steigt jährlich immer weiter an. Die Fälle ausgesetzter oder misshandelter Haustiere mehren sich ebenso zunehmend und haben sich auch in Deutschland mittlerweile zu einem ernsten Problem entwickelt.

Anne Jassner, erste Vorsitzende des „Tierschutzvereins Dresden e.V.
Menschen für Tierrechte”, setzt sich für die Belange genau dieser Tiere ein.
Draußen ist es schon lange dunkel. Aus einer schmalen Seitenstraße ertönen
eindringliche Laute. Ganz am Ende dieser Sackgasse, versteckt hinter Mülltonnen,
raschelt es in einer Pappkiste. Plötzlich reflektieren zwei schmale Pupillen das
einfallende Licht. Aus zwei Lichtpunkten, werden schnell mehr. Abermals ertönt ein
hohes, verzweifeltes Mauzen. Sechs kleine Kätzchen ragen mit ihren Köpfen aus der
Kiste und versuchen auf tapsigen Pfoten ihrem Gefängnis zu entkommen. Alle sechs
wurden wurden in den späten Abendstunden möglichst unauffällig, hierher getragen.
Er oder sie hat sich ihnen einfach entledigt. Sie wurden wie Ware behandelt, welche
man einfach neben anderen Müll entsorgen kann.
Dieses traurige Szenario ist mittlerweile in vielen Städten zum Alltag geworden. Auch
hierzulande. Laut Statista lebten im Jahr 2018 rund 34,4 Millionen Haustiere
unterschiedlichster Arten in deutschen Haushalten. Dabei waren und sind Katzen, mit
rund 14,8 Millionen Tieren, das beliebteste Haustier der Deutschen.1 Im Vergleich zu
den westeuropäischen Staaten werden somit, die meisten Stubentiger in
Deutschland gehalten.2 Dass diese hohe Anzahl eine ebenfalls steigende Anzahl
wohnungsloser Katzen zur Folge hat, kann Anne Jassner nur bestätigen. Die 69-
jährige ist erste Vorsitzende des Tierschutzvereins Dresden e. V. Menschen für
Tierrechte. Außerdem leitet sie das Katzenhaus in Dresden-Luga sowie das
Katzenseniorenheim in Maxen und arbeitet dort ehrenamtlich in der Tierbetreuung
mit. Der Verein unterhält zwei Tierheime für Katzen, mehrere Katzenpflegestellen
und eine Hundepflegestelle sowie eine Pflegestelle für Kleintiere. In dem Tierheim
„Katzenhaus“ in Dresden-Luga werden durchschnittlich 40 bis 45 Katzen betreut, die
in ein neues Zuhause vermittelt werden sollen. „Im ‘Katzenseniorenheim’ in Maxen
bei Dresden betreuen wir zur Zeit 70 Tiere. Diese Katzen sind zur Weitervermittlung
nicht vorgesehen, da es sich um ältere oder alte Katzen handelt, die kein Zuhause
hatten, oder dieses aus unterschiedlichsten Gründen verloren haben. Sie sollen
daher nur noch einen möglichst ‘angenehmen Lebensabend’ bei uns verbringen.”
Tiere die ihr Zuhause verlieren, sind auch hierzulande längst keine Seltenheit mehr.
Laut der Süddeutschen Zeitung 2016 landeten in jährlich rund 80.000 Hunde und
130.000 Katzen in deutschen Tierheimen. Rund drei Viertel dieser Tiere kommen,
innerhalb eines Jahres, in einem neuen Zuhause unter.3
„Ich bin mit dem Einsatz für das Tierwohl groß geworden.”
Frau Jassner’s „Tierschutzverein Dresden e. V. Menschen für Tierrechte” hat derzeit
265 Mitglieder und setzt sich umfassend für den Tierschutz in seiner grundsätzlichen
Bedeutung, auf kommunaler Ebene, beim Freistaat Sachsen sowie bundesweit mit
seiner Dachorganisation bei den staatlichen Stellen des Bundes ein. „Ich bin seit 16
Jahren Mitglied in diesem Verein. Vor ca. 20 Jahren habe ich begonnen, mit meinem
Vater und seiner Frau das Tierheim in Maxen regelmäßig zu besuchen, um dieses
mit Geld- und Sachspenden zu unterstützen.”, erzählt Frau Jassner. Als der damalige
Träger des Tierheims dieses aus finanziellen und personellen Gründen nicht mehr
betreiben konnte, warb Frau Jassner beim Vorstand ihres Tierschutzvereins intensiv
für die Übernahme der Trägerschaft durch ihren Verein. Ihr Bemühungen wurden von
Erfolg gekrönt, als der Verein Anfang Oktober 2011 das Tierheim übernahm. Anne
Jassner beschreibt sich seit ihrer Kindheit als sehr tierlieb: „Meine Mutter hat sich,
seit ich mich erinnern kann, um kranke, bedürftige Tiere in der Nachbarschaft
gekümmert und nahm Katzen in unsere Wohnung auf. So bin ich mit dem Einsatz für
das Tierwohl groß geworden.”
Derzeit sind mehr als 500 Tierheime dem „Deutschen Tierschutzbund“
angeschlossen. Dazu kommen noch weitere städtische und private Einrichtungen
sowie Tierheime, die mit anderen Dachverbänden wie zum Beispiel dem „Bund
gegen den Missbrauch der Tiere“ in Verbindung stehen.4 In dem Tierheim, welches
Frau Jassner leitet, sind derzeit zwei Tierpflegerinnen fest angestellt. Beide leisten
insgesamt ca. 270 Monatsstunden. Der Arbeitsaufwand erfordert aber einen
Arbeitseinsatz von etwa 350 Stunden im Monat. Der Verein kann sich jedoch einen
dritten Angestellten finanziell nicht leisten. „Deshalb teile ich mich selbst im
Dienstplan für die fehlenden 80 Stunden ein. Zusätzlich bin ich neben diesen 80
Arbeitsstunden fast jeden Tag im Tierheim”.


Hauskatze „Olga”: Kommt aus einer Familie, die vor zwei Jahren nach Island ausgewandert ist und Olga nicht mitnehmen konnten. Anne Jassner: „Die ersten Monate hat Olga sehr getrauert. Sie fraß kaum und war kränklich. Gemeinsam mit meiner Freundin haben wir sie in ein ‘normales Katzenleben’ gerettet. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt und ist so etwas wie ‘mein Augenstern’.” Foto: Anne Jassner

 

Ihre Aufgaben erstrecken sich von der Betreuung kranker Tiere, der Aufnahme neuer
Katzen, der Begleitung der tierärztlichen Betreuung im Heim, den Fahrten in die
tierärztliche Praxis mit einem kranken Tier bis hin zur Disposition und dem Einkauf
von Tiernahrung, Katzenstreu und vielem mehr. „Diese Arbeiten umfassen im
Durchschnitt ca. 50 bis 60 Monatsstunden, so dass meine ehrenamtlichen
Tätigkeiten für das „Katzenseniorenheim“ etwa 130 bis 140 Monatsstunden
umfassen.”, ergänzt Frau Jassner und fügt hinzu: „Neben den zuvor geschilderten
Tätigkeiten im und für das Katzensenioren-Heim in Maxen habe ich außerdem als 1.
Vorsitzende umfassende Arbeiten für die Vereinsführung zu erledigen.”
„Tierschutz findet in der Politik kaum Anklang”
Frau Jassner beschreibt den Alltag mit den Tieren im allgemeinen sehr
arbeitsaufwendig: „Die Tiere müssen ja nicht nur gepflegt und gefüttert werden. Auch
die umfangreichen Räumlichkeiten müssen täglich gesäubert und diverse Textilien
täglich gewaschen werden. Aber der ‘Alltag’ bereitet uns auch viel Freude, da die
Tiere uns viel für unseren Einsatz zurückgeben.” Auf die Frage warum es so wichtig
ist, sich für den Tierschutz zu engagieren, antwortet Frau Jassner: „Die Tiere können
sich nicht selbst für ihre Belange – ihre Rechte – einsetzen. Hierfür müssen sich
Menschen einbringen. Leider ist auf politischer Ebene der Tierschutz immer noch
nicht ausreichend vertreten.” So seien viele Gesetze, Verordnungen und politische
Absichten nicht nachhaltig verankert und die Aussagen vieler in der Politik
Verantwortlicher nur Lippenbekenntnisse. Speziell in Sachsen schätzt Frau Jassner
die Lage des Tierschutzes ebenso als unzureichend ein: „Bei den bisherigen
Mehrheitsparteien hat der Tierschutzgedanke leider keine vorrangige Bedeutung.
Dies wird sich meines Erachtens auch erst bei anderer Gewichtung in der
Parteienlandschaft ändern. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist außerdem,
dass das Tier selbst gemäß deutschem Tierschutzgesetz kein Lebewesen, sondern
ein Sachgegenstand ist.” Auch was die Zahl der Ehrenamtlichen betrifft, landete
Sachsen, laut der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA), mit gerade
mal einem Prozent, auf dem letzten Platz unter den Bundesländern.4
Auch wenn eine politische Wende, den Tierschutz betreffend, derzeit noch keinen
großen Anklang im deutschen Bundestag zu finden scheint, ist Frau Jasser der
Meinung, dass sich dafür jeder umso mehr privat für den Tierschutz engagieren
sollte. So kann Tieren, die in Not sind, schon allein dadurch geholfen werden, indem
man täglich „die Augen offen hält“ und bei Missständen eingreift. Darüber hinaus
können Interessierte in eine Organisation, die sich für den Tierschutz einsetzt,
eintreten und diese unterstützen. „Den Tierschutzvereinen beizutreten und sei es nur
um dort einen Obolus für den Tierschutz in Form seines Mitgliedsbeitrages zu leisten,
halte ich für ein sehr empfehlenswertes Engagement.” Denn vor allem die
unzureichende finanzielle Unterstützung durch die Kommunen, bereitet den
Tierheimen und Vereinen Schwierigkeiten, die nicht selten bis hin zur Insolvenz
führen können. Zwar stellt Deutschland jährlich rund 500.000 Euro an Fördermitteln
bereit. Doch da das Aushandeln der finanziellen Konditionen für Fundtiere eine
Sache zwischen den jeweiligen Tierheimen und Kommunen ist, in die das Land nicht
unmittelbar eingreifen kann, werden in der Regel durchschnittlich nur etwa ein Viertel
der tatsächlichen Aufwendungen für Fundtiere abgedeckt.5
Dass die Vereine damit, in finanzieller Hinsicht, auf sich alleine gestellt sind,
bekommt auch der Tierschutzvereins Dresden e. V. zu spüren: „Unser Verein erhält
leider keinerlei finanzielle Unterstützung durch die Kommune, den Freistaat Sachsen
oder den Bund. Wir finanzieren uns deshalb ausschließlich aus Spenden,
Mitgliedsbeiträgen und hin und wieder auch aus kleineren Erbschaften.”

 


Hauskatze „Frieda”: Hatte ein schweres Schicksal, da sie bei einer psychisch gestörten Frau lebte. Anne Jassner: „Sie wurde geschlagen und zeitweise mit einem Draht am Radiator angebunden. Anfangs war sie sehr scheu und schreckhaft. Heute ist sie anhänglich und ein Sonnenschein.” , Foto: Anne Jassner

„Bei mir sind Tränen des Glücks geflossen.”
Trotz dieser finanziellen Hürden gibt es immer wieder Glücksmomente die Frau
Jassner in ihrer Arbeit bestätigen: „Ich erlebe täglich traurige und sehr schöne
Momente, die sich aus der Arbeit für die Tiere im Heim ergeben. Traurige Momente,
wenn eine Katze, die wir über Jahre ins Herz geschlossen haben, stirbt
beziehungsweise von ihren Leiden, von der Tierärztin, erlöst werden muss. Ich
begleite diese letzten Minuten des Tieres mit Streicheleinheiten und einigen lieben
Worten.” So hatte Frau Jassner im Laufe ihrer Tätigkeit immer wieder besonders
kranke Katzen zu betreuen: „Da waren Miezen dabei bei denen ich glaubte, dass wir
sie verlieren. Wenn sich dann nach Tagen, durch die tierärztlichen Behandlungen
und unseren Einsatz, der Zustand des Tieres besserte und das uns ans Herz
gewachsene Tier wieder ganz gesund wurde, sind bei mir Tränen des Glücks
geflossen.” Was die Zukunft des Vereins betrifft, hat Frau Jassner derzeit keine
weitreichenden Pläne: „Wir sind froh, wenn wir die Möglichkeiten haben, den
aktuellen Stand in den nächsten Jahren beizubehalten. Für den allgemeinen
Tierschutz haben wir uns vorgenommen, auf der politischen Ebene Fortschritte bei
der Gesetzgebung für den Tierschutz voranzukommen.”
Dass heimlose Tiere, dank intensiver Fürsorge, wieder vollends genesen können, ist
in Deutschland leider längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Denn da die
finanzielle Unterstützung durch den Staat oftmals fehlt, können Tierheime die Kosten
für die Rettung kranker Tiere nicht immer selber tragen. So bleibt die Todesspritze
erschreckenderweise oftmals der einzige Weg um ein Tier von seinem Leid zu
erlösen. In Deutschland ist es jedoch offiziell strafbar gesunde Tiere zu töten, denn
der Ethik-Kodex der Bundestierärztekammer hält dies, in Absatz drei, allgemeingültig
fest: „Wir Tierärztinnen und Tierärzte richten Tierbehandlungen stets am
Wohlbefinden der Tiere aus und […] dürfen das Leben eines Tieres nur bei Vorliegen
eines vernünftigen Grundes und mit der für das Tier am wenigsten belastenden
Methode beenden.” Eine Ausnahme bildet nur die Euthanasie oder Einschläferung
von todkranken beziehungsweise schwer chronisch kranken Tieren und ist im
Tierschutzgesetz unter § 1 folgendermaßen festgelegt ist: “ […] Niemand darf einem
Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.” Trotz
dieser vom Staat festgelegten Regelungen steigt die Dunkelziffer an Tieren, die der
Todesspritze unnötig zum Opfer fallen, immer weiter an.6
„Ein Haustier ist dem Menschen in jeder Hinsicht ausgeliefert.”
Andere Fälle zeigen, dass Tiere die nicht mehr gewollt werden, nicht selten einfach
heimlich ausgesetzt werden. Häufig bedeutet das für die Tiere ebenfalls der sichere
Tod, wenn sich nicht gerade von einem tierlieben Menschen gefunden und versorgt
werden. „Immer wieder erfahre ich bei meiner Arbeit, aber auch in den Medien, von
ausgesetzten Tieren, von verwahrlosten Tieren, von überfüllten Tierheimen.
Manchmal geht es sogar so weit, dass der Mensch, der die Verantwortung für das
Tier einmal übernommen hatte, ein gesundes Tier einschläfern – also töten – möchte.
Nur weil es stört, weil es nicht mehr gewollt ist!”, so Melanie Reiner. Sie ist
Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzende der Tierrechtsorganisation „Animals
United e.V.” und setzt sich für die Rechte und gegen jegliche Ausbeutung von Tieren
durch den Menschen ein. Oftmals sind dafür die fehlenden Kenntnisse der Besitzer
über ihr gewünschtes Haustier verantwortlich: „Die Menschen legen sich immer
leichtfertiger, tierische Mitbewohner zu.” Als Grund nennt Frau Reiner, die leichte
Zugänglichkeit durch das Internet, was besonders den Erwerb von exotischen Tieren
erleichtert. „Oft machen sich die Menschen erst im Nachhinein darüber Gedanken,
welche Bedürfnisse der neue Mitbewohner überhaupt hat.” Tiere, die nicht artgerecht
gehalten werden, können schnell gesundheitliche Schäden erleiden. Das betrifft auch
die psychische Natur. Werden diese Tiere dann nicht dementsprechend behandelt,
verschlimmert sich deren Zustand immer weiter, bis aufgrund des gesundheitlichen
Zustandes oder zu hoher Behandlungskosten, für den Besitzer nur noch eine
Einschläferung in Frage kommt. Aus diesem Grund ist es Melanie Rainer wichtig die
Menschen wachzurütteln und ihnen klar zu machen, dass ein Haustier dem
Menschen in jeder Hinsicht ausgeliefert ist. Denn nur dieser entscheidet wo und wie
das Tier zu leben hat, wann es sein Futter bekommt und ob es leben darf oder
sterben muss. „In Deutschland haben wir zum Glück ein funktionierendes Netz an
Tierheimen und Tierschutzvereinen, die ihr Bestes geben, in Not geratene Tiere
aufzunehmen und weiterzuvermitteln.” Dabei ist es jedoch wichtig, dass diese
zahlreichen Möglichkeiten im Notfall auch genutzt werden und die Tiere nicht, zum
Beispiel nur aus reinem Schamgefühl der Besitzer, ihrem Schicksal überlassen
werden. Frau Reiner betont zudem, dass es jedes Tier verdient hat, dass man sich
gut um es kümmert und sein Leben mit bestem Wissen und Gewissen, je nach
Bedürfnissen seiner Art, so angenehm wie möglich gestaltet. „Ein Haustier zu haben
bedeutet, die volle Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen. Diese
Verantwortung kann, je nach Tierart, viele Jahrzehnte andauern.” Aus diesem Grund
sei es wichtig, sich noch vor der Anschaffung, über die Bedürfnisse der jeweiligen
Tierart, wie zum Beispiel die artgerechte Haltung, schlau zu machen. Außerdem
sollte man sich einer eventuell jahrelangen Verantwortung bewusst sein. Den nur
dann ist es möglich, einem Tier die Chance zu geben ein neues, glückliches und
erfülltes Leben zu führen.7 – Judith Budai

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