So entfernt wie die Politik – ein Kommentar

Eine Veranstaltung, die genau das Gegenteil brachte von dem, was sie versprach: keine Innovation, keine neuen Ideen. Getreu dem Motto, was sollen wir denn eigentlich verändern, wenn wir eh schon die Spitze sind?

Es war der perfekte Rahmen: Hochschulangehörige der Hochschule Mittweida sowie Bürger der Stadt Mittweida hatten die Möglichkeit mit den Machern der Tagesschau ins Gespräch zu kommen. Was muss die Tagesschau unbedingt besser machen? Wie soll sich die Tagesschau in Zukunft verändern? Letztere Frage wurde aus Zeitgründen nicht beantwortet.

Gleich zu Beginn legte Tagesschau-Chef Dr. Kai Gniffke los: „Die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau hat mehr Zuschauer als alle anderen deutschen TV-Nachrichtensendungen zusammen.“ Er fügte hinzu, dass man die beste westliche Nachrichtensendung der Welt sei, mit einem der besten Korrespondentennetze der Welt. Es war dieser leise Unterton von Unantastbarkeit. Und der entzog Kritikern von Anfang an jegliche Grundlage ihre Standpunkte anzubringen. „Ihr hättet ruhig noch kritischer sein können mit uns“ meinte Danko Handrick vom MDR zu uns angehenden Journalisten. Klar, man kann nicht erwarten, dass der Tagesschau-Chef vorne sitzt und sagt: „Echt gute Idee, das nehmen wir so auf, danke!“ Ich fragte: „Was glauben Sie denn, warum nennt man sie denn Lügenpresse?“ Gniffke erzählte von großen Schmerzen, die jeder Journalist erleide, der sich solchen Behauptungen entgegenstellen müsse. Er beantwortete aber nicht die Frage nach dem warum. Er blieb im Ungefähren, ganz im Stile eines Politikers.

Danach wurde die Ost-West-Problematik aufgegriffen, dass viel mehr Beiträge aus den alten Bundesländern stammen. Ja ist doch logisch, die meisten Dax-Unternehmen sitzen im Westen. Ist das eine Form von Ignoranz? Um eine breite Öffentlichkeit anzusprechen, bedarf es auch Themen aus den neuen Bundesländern anzubieten. Und nicht nur Themen von den großen Dax-Unternehmen. Es hat sicher auch was damit zu tun, dass ein Großteil der NDR-Redaktion, die die Tagesschau produziert, ursprünglich aus dem Westen Deutschlands stammt zu Zeiten der Teilung. Das Lebensverständnis zwischen Ost und West ist sehr unterschiedlich, das merke ich nicht nur bei Eltern, sondern auch bei jungen Menschen aus meinem Alter: das Ablesen der Uhr (dreiviertel oder Viertel vor), verschiedene Begriffe für ein und dasselbe Produkt (Buletten – Frikadellen) oder diverse Vorurteile („Ihr hattet doch damals eh nichts zu essen“). Das wohl schwierigste Problem zwischen Ost und West ist die Bezahlung. Löhne und demnach Renten sind im Osten auch nach knapp 30 Jahren immer noch deutlich niedriger. Anfangs zur Wende hat man den Arbeitern und Unternehmern sämtliche großindustrielle Anlagen zwangsenteignet zu Zwecken der offiziellen Wiedervereinigung. Diese Anlagen gehörten dem Volk. Tiefe Risse sind noch vorhanden. Die Menschen fühlen sich abgehängt, sie haben keinen Bock auf Slogans wie „Weiter so.“ Und dann kommt die Tagesschau und sagt was sollen wir eigentlich verändern?

Nah am einfachen Menschen, der zur Arbeit geht, Steuern zahlt, ist man nicht. Es sind mehr Rentner und gut betuchte, sehr intelligente Menschen, die die Tagesschau regelmäßig verfolgen. Demnach wird die Tagesschau ihrem Anspruch nicht gerecht. Wir sind für jeden da, hieß die Antwort auf die Frage nach der Zielgruppe. Jedes Unternehmen, jede Werbebotschaft, jeder Rundfunksender hat eine spezielle Zielgruppe, die sie versucht zu bedienen. Die Tagesschau hat alle Menschen. Das ist ein riesen Trugschluss, auch die Tagesschau bedient nur eines von vielen Milieus. Ein Vorschlag von mir wäre, um den einfachen Bürger zu erreichen, sein Programminhalt auch ein wenig mehr auf Service auszurichten. So macht es zum Beispiel RTL Aktuell. Den Familienvater interessiert es vielleicht mehr, wie, wann und wo er am besten seine Reifen wechselt anstatt der Krieg in Syrien zwischen Regime und IS, zwischen Kurden, Rebellen, Sunniten und Schiiten, wo eh keiner mehr durchblickt.

Ich war und bin immer noch enttäuscht, hatte es mir aber schon gedacht: die Tagesschau ist wie die Politik derzeit einfach zu weit entfernt vom einfachen Menschen.

Text: Pascal Durieux

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