„Ich wünschte mir ein bisschen mehr Miteinander“

Sie geben uns den Rohstoff, um uns verständlich und umfassend zu informieren, berichten aus allen Ecken der Welt und legen so die Basis zur Meinungsbildung. Die Tagesschau um 20 Uhr ist, laut ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke, das erfolgreichste Nachrichtenformat der westlichen Welt.

Allerdings sei nur eine gut informierte Gesellschaft auch eine leistungsfähige Gesellschaft. Information ist hier kein reiner Selbstzweck – dennoch schaffen es manche Themen in die Tagesschau, andere wiederum nicht.

Jan Hofer ist seit 1985 bei der Tagesschau tätig. Seit 2004 steht er als dessen Chefsprecher für 15 Minuten genau portionierte Nachrichten.

Im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung in Mittweida stellte er sich den Fragen zum Erfolg sowie den damit verbundenen Schwierigkeiten des mittlerweile 65-jährigen Nachrichtenformats.

Vivian Kretzschmar: Herr Hofer, Sie haben bereits erwähnt, dass Sie mit der Tagesschau um 20 Uhr das beste Publikumsergebnis seit 65 Jahren erzielt haben und so viele Zuschauer besitzen, wie kein anderes Nachrichtenformat in Deutschland. Ist die Tagesschau nach so vielen Jahren und Veränderungen bei Mitarbeitern genauso beliebt wie beim Zuschauer?
Jan Hofer: Ich glaube ja. Es ist die Champions League. Wenn Sie da mal gelandet sind, dann können Sie mehr nicht erreichen. Allerdings muss jemand, der bei uns arbeitet, natürlich eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen und viele Bedingungen im Voraus erfüllen. Wir sind kein Lehrbetrieb. Sie müssen schon vor laufender Kamera gestanden haben, nach Möglichkeit in unserem Regionalprogramm. Würde man diese Position einem 24-jährigen Kollegen übertragen, würde ihm das ältere Publikum nicht abnehmen, dass er weiß, wovon er redet.

Einer Sache muss man sich ebenfalls bewusst sein: Ich werde nicht dafür bezahlt, dass ich 15 Minuten vor der Kamera Nachrichten vorlese. Ich werde dafür bezahlt, dass ich an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden öffentlich bin. Damit müssen Sie umgehen können, das ist nicht einfach. Sie können nicht mehr tun und sagen was Sie wollen. Angenommen, ich würde betrunken Auto fahren und erwischt werden, dann wäre ein normaler Mensch zwei Monate seinen Führerschein los und wäre mit einem Bußgeld von 500€ davongekommen – ich wäre meinen Job los. Also: Augen auf, bei der Berufswahl.

Vivian Kretzschmar: Als „Traditionsmarke“ versuchen Sie, innerhalb der diversen deutschen Gesellschaft alle mit dem zu erreichen, was wichtig ist. Was ist Ihrer Meinung nach das Erfolgsrezept um die Tagesschau?
Jan Hofer: Also man muss grundsätzlich erstmal wissen, dass wir Fernsehen machen. Fernsehen bedeutet, wir brauchen Licht, Ton, eine Kamera und entsprechendes Personal vor Ort. Innerhalb der European Broadcasting Union arbeiten wir eng mit unseren Korrespondenten zusammen, das heißt, wenn beispielsweise in Frankreich etwas passiert, bekommen wir Material der dort ansässigen örtlichen Stationen und können das verwerten, noch bevor unser Korrespondent da ist.

Jeden Morgen gibt es eine Planungskonferenz, in der festgestellt wird, welche Themen am jeweiligen Tag anstehen und was wir dem Korrespondenten im Anschluss an die Hand geben. Daraus entsteht dann eine Sendung nach der Relevanz der Nachrichten, sowohl innen-, als auch außenpolitisch. Das heißt also nicht, dass wir nicht jederzeit etwas umwerfen können, nämlich in dem Augenblick, in dem Relevantes passiert. Doch man wird in jedem Fall feststellen können, dass die ersten fünf Topmeldungen des Tages dieselben sind wie bei RTL und ZDF auch.

Vivian Kretzschmar: Wie spontan kann ein Thema in die Sendung eingebunden und noch etwas an bereits bestehenden Themen geändert werden?
Jan Hofer: Ich gehe ohnehin oft nur mit einem Drittel der fertigen Sendung ins Studio, weil unsere Korrespondenten in Krisengebieten nicht unter denselben Bedingungen arbeiten wie wir. Sie müssen sich Satelliten mit anderen Stationen teilen und die Zeitverschiebungen berücksichtigen. 20 Uhr ist hier nicht gleich 20 Uhr. Bei den innenpolitischen Themen ist das kein großes Problem, dafür haben wir unsere Studios, die Beiträge einspielen, aber bei den internationalen ist das teilweise kritisch. Während der Sendung wird mir durch einen Knopf im Ohr gesagt, was sich ändert und passiert.

Die Redaktion macht auch nicht um acht Uhr Schluss und guckt sich in Ruhe die Sendung an, sondern arbeitet weiter. Denn es gibt keinen Grund, nicht nach dem Wetterbericht noch zu sagen, das und das gerade passiert ist und wir informieren Sie in den nachfolgenden Sendungen, wenn wir mehr Informationen bekommen. Sendungsschluss ist nach dem Gong, nach der Ansage für die Tagesthemen.

Vivian Kretzschmar: Auf jeden Fall ein spannender Job, in dem man stets darauf achten muss keine Miene zu verziehen, so schockierend die Nachricht auch sein mag.
Jan Hofer: Beim Reinkommen ist das manchmal schwierig. Heute geht das elektronisch alles sehr viel schneller. Das war früher nicht der Fall, weil es jede Nachricht nur in Papierform gab. Da bekam ich dann diesen legendären Zettel mit den Zeilen „Wie uns soeben berichtet wurde…“ in die Hand gedrückt. Jetzt gibt es das nur noch als Meldung auf dem Teleprompter.

Ansonsten habe ich die Nachrichten ja schon vorher in der Redaktion gesehen und verarbeitet. Wenn es eine gute Nachricht ist, dann darf man auch mal lachen.

Vivian Kretzschmar: Gibt es Themen, die Sie persönlich nicht mehr hören können, über die Sie als Sprecher aber trotzdem berichten müssen?
Jan Hofer: Das ist eine schwierige Frage. Persönliche Präferenzen spielen da sicherlich eine Rolle, dürfen aber keine Rolle spielen. Manchmal ist mir das Thema AfD etwas lästig, aber das werden wir nicht loskriegen. Sie sind gewählt, sind Anteil des demokratischen deutschen Systems und wenn sie gewählt sind, haben sie auch eine Berechtigung. Ob uns das gefällt oder nicht.

Es wird lange Auseinandersetzungen geben, weil die AfD-Mitglieder sehr aggressiv in ihrer Meinungsäußerung sind. Sie fühlen sich immer bedroht und falsch dargestellt. Ich wünschte mir ein bisschen mehr Miteinander.

Vivian Kretzschmar: Abseits der AfD-Thematik, die zweifellos alle deutschen Bürger betrifft, denken Sie, dass es auch heute noch typische Ost-West-Themen gibt?
Jan Hofer: Ja, die gibt es, erstaunlicherweise. Ich habe ja lange hier im Osten gearbeitet, bis vor drei Jahren. Ich habe am 3. Januar 1992 die erste Live-Sendung des MDR moderiert. Gleich im Anschluss war ich 20 Jahre lang Talkshow-Moderator von Riverboat beim MDR. Ich kenne mich hier also wirklich sehr gut aus.

Ich sehe mich auch als Garant dafür, dass ostdeutsche Themen bei uns auch richtig behandelt werden. Dass auch die Denke ein bisschen eine Rolle spielt, und nicht so von der westlichen über Bord geworfen wird.

Aber man darf eins nicht vergessen: wir haben 28 Jahre nach der Wende. Ein heute 33 Jahre alter Mann hat die Mauer schon nicht mehr erlebt. Mit fünf Jahren hat er sie nicht mitgekriegt. Erst mit 16 war er ein politisch denkender Mensch. Das nivelliert sich alles.

Sie sehen ja auch, wo liegt hier der Unterschied zu Frankfurt oder zu München? Aber warum soll man darüber berichten, dass in der Lausitz Gurken geerntet werden?

Ein Interview von Vivian Kretzschmar
Mittweida, 03. Juni 2018

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