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Mittweidaer Bürger stellen ihre Fragen an ARD-aktuell

Wie geht die Tagesschau mit Falschnachrichten um? Wie überprüft die Nachrichtensendung der ARD ihre Informationen? Und wie reagieren sie, wenn ihnen doch ein Fehler unterlaufen ist? Dies und vieles mehr wurde in einer Diskussion der Mittweidaer Bürger mit Vertretern der ARD besprochen.

Mittweida. Das Studio B der Hochschule Mittweida wurde am Donnerstagabend, dem 31. Mai, zu einem Heizkessel. Zum einen wegen der Temperaturen, aber es gab noch einen weiteren Grund. Vier Vertreter der Tagesschau waren im Rahmen der Tagesschau on Tour zu Gast und stellten sich den Fragen von Hochschulangehörigen und Bürgern. Für das Pilotprojekt arbeitet die Tagesschau-Redaktion mit Mittweidas Masterstudenten der Fakultät Medien zusammen, um die Wahrnehmung des Programms in den neuen Bundesländern zu untersuchen.

Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke, Korrespondent Danko Handrik, Social Media Redakteurin Julia Kuttner und Nachrichtensprecher Jan Hofer sprachen über den Erfolg und auch über die Fehler in der etabliertesten Nachrichtensendung Deutschlands. Moderiert wurde die Veranstaltung von Professor Horst Müller und der Studentin Daniela Möckel. Etwa 120 Besucher hatten sich versammelt, um die Chance zu nutzen, mit dem Ersten Deutschen Fernsehen auf einer Augenhöhe zu diskutieren. Es gab wenige kritische Stimmen, jedoch Themen, die viele der Anwesenden beschäftigten.

Eine neue Dimension der Fake News
So wurden im Verlauf des Abends immer wieder Fragen rund um die Glaubwürdigkeit des Journalismus, eventuelle blinde Flecken bei der Themenfindung oder Falschnachrichten gestellt. Der inszenierte Mord des russischen Journalisten Arkadi Babtschenko warf dabei seine Schatten auf den Abend. “Die ganze Geschichte Fake News hat eine neue Qualität für mich bekommen, die ich bislang so auch noch nicht kannte. Und der wir alle aufgesessen sind”, sagte Kai Gniffke, Chefredakteur der Tagesschau, in der Diskussion.

Arkadi Babtschenko ist russischer Journalist und Kriegsreporter, der für seine kritische Haltung zur russischen Regierung bekannt ist und derzeit in der Ukraine lebt. Am 29. Mai verbreitete die ukrainische Polizei die Nachricht, dass Babtschenko in seiner Wohnung erschossen worden sei. Die Tagesschau und viele andere Medien berichteten über den Mord, der sich als keiner herausstellte. Es war nur eine Inszenierung, um einen tatsächlichen Anschlag Russlands auf den Journalisten zu vermeiden. Kai Gniffke zeigte sich in der Diskussion erschüttert. “Traue nichts und niemandem mehr. Das ist das, was wir daraus lernen”, erklärte der Chefredakteur. Der Fall zeige, dass im Bereich des Informationskrieges mittlerweile alles möglich geworden sei.

Immer Ross und Reiter nennen
Deshalb ist es umso wichtiger, Informationen auf zwei voneinander unabhängige Quellen zu prüfen. Dafür, sagt Social Media Redakteurin Julia Kuttner, gäbe es zum einen die großen Nachrichtenagenturen, aber auch das riesige Korrespondentennetz der ARD. Nicht nur reine Informationen, auch Videomaterial wird so geprüft. Dabei sei es jedoch wichtig zu schauen, ob es auch wirklich zwei Quellen sind und nicht eine, die von allen anderen Medien weiterverbreitet wird. “In einem Stück immer Ross und Reiter nennen”, bringt es Korrespondent Danko Handrik auf den Punkt, “Woher hast du die Information? Sprich es aus. Immer erstmal die Quellen offenlegen.”

Natürlich kommt es trotzdem vor, dass sich Fehler einschleichen. Dass eben nicht alles überprüft oder ein Fakt vergessen wurde. Dann heißt es, den Fehler zu berichtigen und nicht unter den Tisch zu kehren. “Auf Facebook sind wir viel interaktiver mit unserem Zuschauen. Da werden uns Fehler sehr schnell um die Ohren gehauen”, gibt Julia Kuttner zu. Der Fehler wird dann überprüft und berichtigt. “Wenn der Fehler in der Sendung auffällt, dann korrigieren wir ihn auch in der Sendung. Wir scheuen uns nicht, in der Sendung zu sagen: Da ist ein Fehler passiert. Das ist eine ganz große Selbstverständlichkeit”, stimmt Nachrichtensprecher Jan Hofer zu. Im Nachhinein werden einzelne Meldungen auch neu aufgezeichnet, erklärt Kai Gniffke. Dann wird aber auch explizit darauf hingewiesen, dass es sich um einen Fehler handelte und warum die Meldung erneut produziert wurde.

Ostdeutschland in keine Schublade stecken
Durch diese Transparenz und Offenheit im Umgang mit Fehlern will die Tagesschau den Menschen, die auf der Straße “Lügenpresse” rufen, entgegentreten. Ein junger Mann aus dem Publikum fragte bei der Diskussion, warum auch die Tagesschau immer wieder als Lügenpresse bezeichnet wird. “Man reagiert als Medienvertreter extrem allergisch auf diesen Begriff”, antwortet Kai Gniffke, “Wir sind der Wahrheit verpflichtet.” Gleichzeitig räumt er aber auch ein, dass Fehler gemacht wurden. Bei rassistischen Vorfällen bei Pegida-Kundgebungen sei es wichtig, auch darüber zu berichten. Aber: “Wir dürfen Ostdeutschland nicht auf solche Phänomene reduzieren. Wir müssen sehen, Ostdeutschland ist ja mehr als Pegida”, so Gniffke.

Ein weiterer Fehler in der Berichterstattung über Pegida sei gewesen, dass in den Zwischentönen eine gewisse Meinung nahegelegt wurde. Das sei laut Gniffke nicht die Aufgabe der Nachrichten. Für ihn sei jedoch das schlimmste, dass sie alle in einen Topf geschmissen hätten. “Die Menschen, die zu der Pegida-Kundgebung gegangen sind, gerade in der Anfangsphase, waren nicht alle Nazis. Ich würde sogar sagen, dass sie in ihrer Mehrzahl keine Rechtsextremisten waren”, ist der Chefredakteur sich sicher.

Ein Blick in die Zukunft
Aus solchen Fehlern heißt es zu lernen. Für die Zukunft werden auf die Tagesschau weitere Änderungen zukommen. “Veränderungen sind für uns tägliches Brot”, ist Jan Hofer aber optimistisch. Dabei will die Tagesschau noch stärker auf die Regionen eingehen. “Wenn wir in den Dialog eintreten, dann wäre das mein Ziel für die nächsten Jahre. Dann können wir die Rolle spielen, die wir spielen wollen. Eine Diskussionsplattform für diese Gesellschaft zu sein”, schließt Kai Gniffke die aktive Diskussionsrunde schließlich. Auf dieser Plattform müsste auch nicht jeder derselben Meinung sein, aber, so Gniffke, man könne sich in einer bestimmten Form austauschen. Denn das bringe die Gesellschaft am Ende voran.

Text: Ellen Schulze
20. Juni 2018

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