Die Verlierer – Berichterstattung über Ostdeutschland

Ostdeutsche Themen sind in tagesschau, SPIEGEL und Co. unterrepräsentiert und eher negativ. Das sehen zumindest einige Nutzer so. Die Berichterstattung über den Osten war schon immer schwer und birgt Zerstörungspotenzial.

Ein Dresdner Montag: An der Frauenkirche haben sich rund 17.000 Pegida-Demonstranten versammelt. Sie schwenken Fahnen der Bundesrepublik und des Freistaates Sachsen. Dazwischen stechen Spruchbänder in grellen Farben hervor: „Merkel, die Königin der Schleuser“, „Stopp, Asylbetrüger“. Danko Handricks Kamera erfasst ein beschriebenes Plakat besonders gut: „Verdammte Schweinejournaille“. Ein Redner spricht von einer kleinen Bühne aus, doch Handrick kann ihn nicht verstehen, denn die Menschenmasse schreit ein Wort: Lügenpresse, 17.000-fach auf der Tonspur verewigt. Danko Handrick ist Journalist beim Mitteldeutschen Rundfunk und dreht einen Beitrag für das Morgenmagazin. In die Mitte der Pegida-Demo traue er sich mit Kamera schon lange nicht mehr, berichtet er den Zuschauern am Rande der Veranstaltung. Handrick hat jetzt zwei ältere Herren ausgemacht, die besonders laut „Lügenpresse“ rufen. Um dafür den Grund zu erfahren, spricht er sie an. Sie antworten knapp in sächsischem Dialekt: Die deutsche Berichterstattung sei nicht objektiv und immer einseitig.

Dresden verliert sein Image – durch Medienpräsenz
Die Berichterstattung über die Dresdner Pegida-Bewegung zählt seit 2014 zum Tagesgeschäft der deutschen Medienlandschaft. Pegida – ein Thema, dass die Aufmerksamkeit auf Ostdeutschland verstärkt hat. Die Berichterstattung über den Osten war auch ein Gesprächsthema bei der Disskussionsrunde „Mittweida, wir müssen reden.“ Vertreter der tagessschau sprachen mit ihren Nutzern über die Stärken und Schwächen der meistgesehenen Nachrichtensendung. Im Dialog mit ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke stellten die Gäste der Veranstaltung fest, dass, wenn in der tagesschau über Ostdeutschland berichtet werde, eher negative Themen, wie Pegida, ausgewählt würden. Gniffke gestand ein: „In der Berichterstattung über Pegida haben wir den Zuschauern unabsichtlich Meinungen zwischen den Zeilen nahegelegt.“ Demonstranten seien „alle in einen Topf geworfen“ und die Mehrzahl als Nazis dargestellt worden.

Für manche kommt diese Reflexion zu spät, denn der mediale Umgang mit Pegida hat schon längst seinen Tribut gefordert. Dresdens Bild in der Öffentlichkeit hat sich laut einer Studie seines Stadtmarketings negativ verändert. Das gaben 75 Prozent der Dresdner Bewohner an. 60 Prozent der Touristen in Dresden – eine wichtige Einnahmequelle der sächsischen Landeshauptstadt – fanden, dass die Berichterstattung über Pegida den Ruf der Stadt verschlechtert hat. Parallel dazu verzeichnete die Stadt im Jahr 2015 rund 130.000 weniger Übernachtungen als im Vorjahr. Die Ergebnisse regen zum Nachdenken an. „Wir dürfen Ostdeutschland nicht auf Pegida reduzieren“, sagt Gniffke. Dennoch haben sich Reporter wie Wolfgang Nagel im Jahr 2015 auf die Frage nach der richtigen, bundesweiten Berichterstattung zu folgenden Antworten hinreißen lassen: „Pegida ist ein lokales Phänomen. Oder ein sächsisches.“

Die lange Tradition des „Ossi-Bashing“
Ostdeutsche Phänomene werden schon lange erklärt. In den 90er Jahren tat sich besonders der SPIEGEL mit Storys über die neuen Bundesländer hervor. So wurden 1993 die Ostdeutschen in drei Kategorien eingeteilt: „Erstens der Misch-Typ, zweitens der West-Typ, der so riechen, reden und aussehen möchte wie ein Düsseldorfer und drittens der Ost-Typ, der immer noch hinter der Mauer lebt und leben will.” Die Verlierergeneration der Ossis sei die der 40- bis 50-jährigen, die mehr Fette esse und weniger Sport treibe, als die in Westdeutschland, ist in einer Ausgabe zu lesen. Und über die ostdeutsche Jugend bleibt den Hamburger Redakteuren nur zu sagen: „In den Kinderzimmern Ostdeutschlands marschiert die SA.“ und „Zonen-Teenies rüsten sich für den nächsten Sturm.“
„Ich habe mich über West-Journalisten, die aus der Ferne von der DDR erzählten, ohne die geringste Ahnung von ihr zu haben, geärgert.“, erinnert sich Deutschlandfunk-Journalist Henry Bernhard in einem Artikel von 2016. Heute tue er das nicht mehr, aber „viele unserer Hörer werfen uns Unwissen über die Verhältnisse im Osten vor.“

Die Story über den Osten der 2000er erzählt weniger über verschrobene Lebensverhältnisse als über politische und gesellschaftliche Ereignisse, die entwicklungslandartige Züge annehmen. Brennende Flüchtlingsheime, NSU-Terror und eine schwache Wirtschaft. Nur zwei Ereignisse erregen das Mitleid des übrigen Bundesgebietes: die Hochwasser 2002 und 2013. Danach folgt die Fortsetzung der Geschichte, die in der Metapher eines Bundespräsidenten eine reißerische Überschrift findet: „Dunkeldeutschland“, ursprünglich eine ironische Bezeichnung für die DDR wegen ihres sparsamen Einsatzes von Neonreklame, wurde es 2015 von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck als Metapher für das Deutschland von Extremisten und Fremdenfeinden verwendet. Medien titeln seitdem mit diesem Begriff, oft im Zusammenhang damit, dass Fremdenhass und Rechtsextremismus Probleme des Ostens seien. Dazu sagte der thüringische Landtagspräsident Christian Carius in einem Gastartikel in der Ostthüringer Zeitung: „Hier wird ein schiefes Bild gemalt. Denn die große Mehrheit der Ostdeutschen ist weder fremdenfeindlich noch rechtsextrem. Begriffe wie „Dunkeldeutschland“ erklären nichts.“

Ostdeutsche als Verlierer – was tun?
Wie sich der Umgang der Medien mit Ostdeutschland und seiner Bevölkerung auf das Medienvertrauen auswirkt, ist bisher nicht erforscht. Wissenschaftler wie Politikpsychologe Thomas Kliche können nur Vermutungen zu ernüchternden Studienergebnissen machen. Laut einer forsa-Umfrage von 2018 trauen nur rund 16 Prozent der Ostdeutschen dem Fernsehen, 27 Prozent der Presse und 41 Prozent dem Radio. Für Kliche ist das kein Wunder: „Für Ostdeutsche war es schwer in die Leitmedien vorzudringen. Sie wurden als Verlierer, Unwissende, Versager hingestellt.“ Ein drastisches Beispiel dafür ist die Berichterstattung über die ostdeutsche Wirtschaft. Dafür sieht MDR-Reporter Danko Handrick das Problem in der Unternehmensstruktur Ost-Deutschlands. „Große, an der Börse notierte Firmen, haben ihren Hauptsitz in Westdeutschland, also kommt der Großteil der Wirtschaftsberichterstattung von dort.“ Über die neuen Bundesländer bleibt nur die schleppende Entwicklung des Bruttoinlandproduktes und steigende Schulabbrecherquoten zu berichten.

Dennoch haben Journalisten wie Handrick Lösungen für die Probleme in der Berichterstattung über Ostdeutschland. „Der Osten hat einen ausgeprägten Mittelstand, der für die Wirtschaft von entscheidender Bedeutung ist. Über den sollten wir mehr berichten.“ Und auch auf die Vorwürfe der Herren von der Pegida-Demonstration weiß er die richtige Antwort. Beide lädt Handrick ins Senderhaus des MDR ein, wo sie an einem Tag alle redaktionellen Arbeiten – von der Themenkonferenz bis zum Videoschnitt – begleiten dürfen. Am Ende des Tages geben sie ein überraschendes Statement ab: Beide haben mehr Verständnis für die Arbeit des Journalisten – und Danko Handrick ist ein bemerkenswertes TV-Stück über Vertrauen und Annäherung gelungen.

Text: Paul Haubold
03. Juni 2018

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