Ein Kommentar: Die Tagesschau – Never change a winning system

Die Tagesschau wird in diesem Jahr 66 Jahre alt, das Konzept des Nachrichtenprogramms der ARD ist seit jeher das Gleiche. In Zeiten der Schnelllebigkeit ist sie mit nur kleinen Veränderungen ein Fels in der Brandung. Doch sollte sie das auch bleiben?

Countdown bis 20:00 Uhr, ein lauter Gong, eine Sprecherin sagt „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau“, dann die Titelmelodie.  Der Ablauf des Intros der Tagesschau besteht in ähnlicher Form schon seit 1956, wohl jeder Deutsche Fernsehzuschauer kann es mitsprechen und -singen. Der Zuschauer weiß, dass die Kamera durch das Studio geschwenkt wird, den Sprecher im Bild, der schnell noch seinen Zettelberg ordnet, während er von einer Stimme aus dem Off vorgestellt wird. Die Sendung ist seriös, die Standard-Formulierung der Begrüßung ist gehoben: „Guten Abend meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur Tagesschau.“ Da die Begrüßungsworte schon gefühlt immer die gleichen sind, wollen sie nicht so recht zu dem (fast) nigelnagelneuen Studio passen, in dem der Sprecher steht. Dunkler Boden, der mit hellen LED-Streifen versehen ist, die die futuristische Form der zwei Moderatorentische umranden. Eine riesige Medienwand dahinter, die beim Opener die Bilder passend zu den Themen entfaltet. Das Team der Tagesschau hat sich 2014 mit dem neuen Studio mächtig ins Zeug gelegt, um der Sendung einen neuen, modernen Look zu geben – und das ist ihr auch gelungen. Es ist eine der größten Veränderungen der Tagesschau in den letzten Jahren.

Abgesehen von der neuen Optik ist alles, wie es schon gefühlt seit Jahrzehnten ist. Ein Sprecher im Alter zwischen 40 bis 65 moderiert verschiedene Nachrichtenbeiträge an, die daraufhin abgespielt werden. Von internationalen und nationalen politischen Themen zu kulturellen, regionalen gegen Ende. Experten und Politiker im Anzug sprechen, der Tonfall ist sachlich und distanziert. Vom Zuschauer werden eine gewisse Allgemeinbildung und Kenntnisse im Weltgeschehen vorausgesetzt. Diese Beibehaltung der alten Konzepte und auch die Sprachwahl mag für manche altbacken, unmodern und festgefahren wirken.

Betrachtet man die Tagesschau über die Jahrzehnte aber genauer, fallen einem doch kleine Veränderungen auf, die Schritt für Schritt dafür gesorgt haben, dass sie moderner wurde. Klar, durch die technischen Möglichkeiten wurde die Qualität der genutzten Medien viel besser, das Bildmaterial ist nun gestochen scharf und brandaktuell aus der ganzen Welt. Aber auch die Art und Weise, wie die Beiträge aufgebaut wurden, änderte sich ins Positive – sie sind mit eingespielten Infografiken anschaulicher geworden und mit Schnittbildern versehen, um die Interviews zu kürzen. In alten Sendungen wurden die Interviews ganz gezeigt, was es dem Zuschauer schwerer machte, zu folgen.

Immer wieder wurden neue Formate wie die Tagesthemen (1978, das Nachtmagazin (1995) und die ‚Tagesschau in 100 Sekunden‘ (2007) ins Leben gerufen, die die Tagesschau ergänzten. Wer um 20 Uhr nicht fernsieht, findet die Sendung nun auf der Startseite der Website oder auf dem YouTube-Kanal. Und wem das immer noch nicht modern genug ist, der findet die Tagesschau auch auf Social Media-Kanälen wie Facebook und Instagram oder als App.

Auch die Sprache hat sich im Laufe der Zeit verändert, vom gestelzten Deutsch hat sie immer mehr an Alltagssprache angeglichen, obgleich sie trotzdem sehr sachlich und distanziert ist. Aber das muss sie ja auch, die Rede ist ja auch immerhin von der etabliertesten Nachrichtensendung Deutschlands. Und damit passt es auch zu der Altersgruppe der Sprecher, die fast alle die vierzig, wenn nicht sogar die sechzig Jahre überschritten haben. Das Alter der Sprecher und die Sprache ist optimal für den Zuschauer, denn würde der Sprecher der Tagesschau 22 Jahre alt sein und in wirklich alltäglicher Sprache über das Weltgeschehen erzählen, könnte wahrscheinlich keiner der Zuschauer die Lage ernst nehmen. Des Weiteren würde eine so tiefgreifende Veränderung wie ein grundlegender Moderatorenwechsel die Zuschauer zum Abschalten bringen. Kontinuität ist ja das, was die Tagesschau zu der etabliertesten Nachrichtensendung gemacht hat. Der Erfolg gibt ihr Recht: Nach eigener Auskunft von Jan Hofer (Tagesschau-Sprecher) hat die Sendung genauso viele Zuschauer wie alle anderen Nachrichtensendungen zusammen. Sie hat bewiesen, dass die Beibehaltung des Gesamtkonzeptes seit mehr als sechzig Jahren gerechtfertigt ist. Gerade das macht sie aus meiner Sicht auch zu der glaubhaftesten Nachrichtensendung Deutschlands. Nach einer so langen Zeit ist das System einfach so eingearbeitet, dass grobe Schnitzer fast nicht mehr passieren und wenn sie doch passieren, weist die Tagesschau mit einer Richtigstellung darauf hin. Man weiß einfach, was man bekommt, wenn man sich die Tagesschau anschaut. Es ist sehr angenehm, heutzutage etwas zu haben, was man schon von klein auf kennt und sich kaum geändert hat. Und deswegen sollte man das Konzept aus meiner Sicht beibehalten.

Text: Elisa Matthey

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