Der lange Weg zum Neuanfang – Eine Schule zieht um

Bäume statt Beton, Singvögel statt Straßenlärm – was sich viele Eltern und Lehrer für ihre Schulkinder wünschen, ist an der Auer Heidelsbergschule noch Wirklichkeit. Umgeben vom grünen Blätterdach des Waldes, an einem Ort, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, steht das große, dreiflügelige Gebäude. Grau-braunes Mauerwerk geht nach oben hin in Fachwerk über. Und könnten die Steine sprechen, hätten sie wohl so manche Geschichte zu erzählen. Doch jetzt, knapp 50 Jahre nach Gründung der Bildungseinrichtung, wird es bald vorbei sein mit dem Lernen im Grünen.

Ursprünglich als HJ-Heim errichtet, beherbergte die Grundschule auf dem Heidelsberg stattdessen Generationen von Schülern.

Die Schulglocke läutet zur nächsten Stunde. In Regalbrettern stehen Schulranzen und Kinderhausschuhe in den verschiedensten Farben und Größen ordentlich aufgereiht und an
den Wänden hängen Bilder aus dem Kunstunterricht. Blumen und Käfer haben die Schüler gemalt, passend zur Jahreszeit. Auf den ersten Blick könnte man meinen, sich hier in einer
ganz normalen Grundschule zu befinden, wie es sie zu tausenden in Deutschland gibt. Tritt der Besucher aber durch die Türen rechts vom Gang in eines der Klassenzimmer und schaut
dort einmal aus dem Fenster, dann sieht er: Natur in ihrer reinsten Form. Büsche, Nadelbäume und den Stamm einer Birke, in den sich ein fleißiger Specht bereits mit einem
Loch verewigt hat. An seltenen Tagen äugt sogar ein schüchternes Reh vorsichtig von draußen in das Klassenzimmer.

Einblick ins Schulinnere und eines der Klassenzimmer

Ein Gebäude mit Geschichte…
Bereits 1964, als die Schule auf dem Heidelsberg eröffnet wird, können die Schüler die frische Waldluft und das Zwitschern der Vögel genießen. Damals noch unter dem Namen
„Polytechnische Oberschule Artur Becker“, beherbergt das Gebäude die Klassenstufen 1-8. Der Unterricht findet selbstverständlich auch samstags statt und die Schüler laufen zu Fuß,
statt von den Eltern oder dem Bus gebracht zu werden. „Die Jahrgänge waren sogar vierzügig, mit bis zu 32 Schülern je Klasse“, erinnert sich Sekretärin Andrea Tetzner, die hier
vor Jahrzehnten selbst die Schulbank drückte. „Im heutigen Musikzimmer war damals ein großer Speisesaal untergebracht, in dem wir noch jeden Tag ein warmes Schulessen
bekamen. Auch hatte jede Klasse eine ‚Patenbrigade‘, also zum Beispiel eine Abteilung in einem ortsansässigen Unternehmen, welche die Schüler ab und zu besuchte oder zu ihren
Firmenjubiläen einlud.“ Auch an das Schulpferd namens Shorty, das im Winter mit dem Schlitten, im Sommer mit dem Wagen den einen oder anderen Schülertransport ermöglichte, können sich wohl nur noch die Absolventen der ersten Jahrgänge erinnern.

Ein alter Waschraum, der heute jedoch nicht mehr genutzt wird

…die Spuren hinterlässt
Heute reichen den Grundschülern vier der 14 Klassenräume, sowie das Kunstzimmer und die Turnhalle. Ein großer Teil des Gebäudes, welches weiträumig mit zwei Etagen angelegt
wurde, steht deshalb auch leer. Oberschüler werden hier schon lange nicht mehr ausgebildet und die Zahl der Lehrer sank im Vergleich zu Gründungszeiten von 26 auf
lediglich fünf, inklusive Schulleiterin. Doch nicht nur in Bezug auf die Klassenstärke zeigten sich über die Jahre starke Veränderungen. Auch das Gebäude an sich weist mittlerweile
deutlich sichtbare Alterserscheinungen auf. Bereits beim Betreten des Foyers hat der Besucher den typischen Geruch alter Gemäuer in der Nase. Ein Blick in die leerstehenden
Klassenräume der oberen Etage bestätigt: auch hier nagt deutlich der Zahn der Zeit. Was einem im Museum Historik und Authentizität vermittelt, bereitete den Bauplanern der Stadt

Aue im konkreten Fall allerdings eher Kopfzerbrechen. Doch welche Alternative gibt es zu den angeschlagenen 4,5 Mio. Euro Sanierungskosten?

Vergangenheit trifft auf Gegenwart – wie an so vielen Stellen im Schulgebäude.

Bürgerschule – Berufsschule – Grundschule?
Eine mögliche Antwort darauf liegt nur sechs Autominuten entfernt, an der Schwarzenberger Straße. Hier errichtete man bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die
erste städtische Bürgerschule. Benannt ist diese nach dem Schweizer Pädagogen Pestalozzi und auch dieses Gebäude, mit der hellen Außenfassade und den zwei separaten Eingängen
für „Mädchen“ und „Knaben“, durchlief bereits zahlreichen Stationen der Schulgeschichte. Beherbergt es 1919 noch die Volkshochschule, mit kostenlosen Lehrgängen für die
interessierte Bevölkerung, wird es später auch für die Schüler aus der nahem Umgebung, als Gymnasium und zwischenzeitlich sogar Jugendherberge genutzt. Zuletzt findet ein
Berufsschulzentrum hier seinen Platz, bis es 2012 auszieht und das Gebäude leer steht. Doch kurz darauf gibt es bereits neue Pläne. Vormalig vom Landkreis genutzt fällt die
Pestalozzischule nun wieder in die Verantwortlichkeit der Stadt Aue – und soll nach Möglichkeit auch weiterhin als Schule fortbestehen. Für viele ist darum naheliegend: statt
knapp 4,5 Millionen in die Instandsetzung der Heidelsbergschule zu stecken, quartieren wir die Schüler doch in die „Pesta“ um. Die Kosten für die Teilsanierung lägen damit knapp 2
Millionen niedriger. Doch schnell soll sich zeigen: Geld ist eben nicht alles.

Eine Stadt in Aufruhr
Denn schon kurz nach Bekanntwerden der geplanten Maßnahme, regt sich deutlicher Widerstand. Eltern, ehemalige Schüler und insbesondere die Parteivertreter der „Freien
Wähler Aue“ zeigen sich bestürzt und entrüstet über eine mögliche Verlegung der Schüler in ein so großes und straßennahes Gebäude. Ihr Standpunkt: „Hier sollen die Kinder aus der
Natur zu Lärm, Schmutz und Abgase[n] gebracht werden.“ Schnell bilden sich zwei Fronten. Während der Stadtrat und die Mehrheit der Parteien vor allem die finanziellen Vorteile einer

Verlegung im Blick haben, verteidigen die Befürworter des Standortes auf dem Heidelsberg die ruhige Lernatmosphäre inmitten der Natur. Sogar eine Facebook-Initiative „Für den
Erhalt der Heidelsbergschule“ wird gegründet. Einige der Befürworter verweisen zudem auf den längeren Schulweg für die Kinder, fragen nach konkreten Plänen für die weitere Nutzung
des Gebäudes im Falle einer Schließung. Die Gegenseite erinnert an Probleme im Winter, wenn die Beräumung der selten befahrenen Waldwege zur Schule Sorgen bereitet. Im
November 2013 fällt schließlich in einer Verhandlung mit den betroffenen Eltern und Lehrern die Entscheidung. Bereits am folgenden Tag ist in der Freien Presse zu lesen: „Die
Schulkonferenz […] hat sich mehrheitlich für das Gebäude der einstigen Pestalozzi-Schule als neuen Standort der Bildungseinrichtung in dem Auer Stadtteil ausgesprochen.“

Die Pestalozzischule steht bereits seit über 115 Jahren an der Schwarzenberger Straße in Aue.

Aus alt wird neu
Ab offiziellem Baubeginn 2015 informiert die Lokalzeitung regelmäßig über Planung und Umsetzung der „neuen“ alten Schule. Zahlreiche Vorgaben, wie der Einbau von
Brandschutztüren, aber auch eines barrierefreien Aufzugs, müssen dabei im Blick behalten werden. Da das Gebäude für die vier Klassen allein viel zu groß wäre, wird außerdem
zunächst nur ein Teil genutzt, um die zukünftigen Unterrichtsräume der Grundschüler einzurichten. Nach Ansicht der Bauleiter können diese sich allerdings schon auf ihr neues
Lernumfeld freuen. „Es gibt viel größere Klassenzimmer für die Schüler und auch allgemein ist die Bausubstanz einfach besser erhalten.“
Auch Aula und Turnhalle stehen nun zur Verfügung, der Vorplatz kann als Pausenhof genutzt werden.

Die Bautafel informiert über die Teilsanierung, welche finanziell vom Programm “Stadtumbau Ost” unterstützt wird.

Umzug im großen Stil
Bis Anfang Juli sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein, sodass das Gebäude pünktlich mit Beginn des neuen Schuljahres zur Verfügung steht. Die 19 Erstklässler können dann ihre
Zuckertüten bereits in der frisch renovierten Aula in Empfang nehmen. Bis dahin heißt es für die Lehrer und alle Helfer allerdings erst noch: sortieren, ausräumen
und Umzugskisten packen. Etliches an Schuleinrichtung wurde zwar neu angeschafft, doch ein Teil der Möbel, viele Unterlagen und Bücher gehen mit ins neue Gebäude.
Es werden zwar keine Rehe mehr ins Klassenzimmer äugen, den einen oder anderen Specht, zahlreiche andere Vogelarten und sogar vorwitzige Eichhörnchen kann man aber auch hier
entdecken. Und dann gibt es da ja noch die vielen gestalteten Bilder der Grundschüler, mit denen sie selbst auch ein Stück Natur in ihre neue Umgebung bringen: Schmetterlinge,
Käfer, Blumen, ganz passend zur Jahreszeit.

Ein Beitrag von Lydia Schubert

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